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DASKALOS - EIN HEILER AUF ZYPERN


Ein Text von Paul Skorpen

Alles verliert im Laufe der Zeit an Glanz und auch die Menschen, die wir kannten und die diese Welt schon verlassen haben, sollten mehr und mehr aus unserem Tagesbewusstsein schwinden. Daskalos ist mir heute noch näher als bei seinem Hinübergehen vor über fünf Jahren. Es scheint, als ob ich in meiner Verbindung zu ihm zu nahe an einem Berg stand, um seine Weite zu erfassen, oder an einem Meer, das so gross ist, dass ich sein entferntes Ufer nicht sehen konnte. Es gibt, wie ich jetzt erkannt habe, Menschen, die wir nicht 'sehen' können, Menschen die ausserhalb des uns Greifbaren stehen, zumindest solange, bis wir in der Lage sind, unsere Sicht zu erweitern, so dass wir sie erfassen können. Nachdem ich das erste Mal von diesem Lehrer hörte, über den man sagte, er sei voll von Wundern und Weisheit, vergingen noch 10 Jahre bis ich schliesslich über den Umweg eines 2-jährigen Aufenthaltes in Nepal auf der Insel Zypern landete.

Ich hatte Glück, dass er im Alter von 75 Jahren noch lebte und in einem vom Sturm des Lebens geprägten Körper lehrte. Es war Ende Mai und noch früh am Morgen, doch eine mediterrane Hitze erfüllte schon den Tag. Ein Gebäude im Garten, die Stoa, diente als Schule, sechzig Stühle standen vor einem kleinen Podest. An jenem Tag, nicht lange bevor der Andrang grösser wurde, zählten wir kaum 20 Personen. Daskalos kam herein, ein grosser Mann mit dunklem, buschigem, fast wildem Haar, sein Hemd trug er über der Hose, die mit Spritzern von Farbe bedeckt war. Er nahm unterhalb des Podestes Platz, legte seine Sonnenbrille ab, bat uns, uns um ihn herum zu setzen und betete das Vater-Unser. Danach lehrte er. Er lehrte so, wie ich ihn die nächsten sechs Jahre erleben sollte, eineinhalb Stunden lang ohne Pause und Notizen.

In jenen Tagen unterrichtete er von Montag bis Freitag morgens öffentlich und nachmittags und abends privat. Seine Lehren umfassten die gesamte Schöpfung: In einem Atemzug konnte er den höchsten Himmel mit unseren alltäglichen Schwierigkeiten zusammenführen. Er verstand es meisterhaft, seinen persönlichen Erfahrungsschatz mit der universell gültigen Lehre zu verbinden. Er lehrte mit seinem ganzen Sein, mit seinen Händen, seinem Herzen und seinem Ausdruck. Wie ein Bildhauer modellierte er jede Lektion. Beeindruckend war, dass nach jeder Unterweisung alle, vom 'Spirituellen Wandersmann' bis zum Neuling, den Eindruck hatten, dass das soeben Gehörte genau ihrem Bedürfnis entsprach.

(c) Paul Skorpen
Langjähriger Schüler von Daskalos

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